Meine Heimat aus Kohle und Eisen

Viertel nach acht, meine Uhr, sie tickt. Ein letztes Mal aufziehen, denk ich mir, wäre nicht schlecht. In der Ferne, da sieht man schon, wie der Rauch aufsteigt. Das Donnern, das Krachen, der wackelnde Boden. Der metallene Behemoth kommt, die Schienen sein Zuhaus, um mich fortzubringen vom ewigen Grau. Heimat, so nennen sie’s, davon hab ich genug. Zögern? Bedenken? Die gab’s für mich nicht. „Zwei Minuten zu spät …“, meinen Lippen entwich. Keine Minute länger wollt’ ich hierbleiben. Mit tobendem Applaus, der Jungfernfahrt gratulierend, pfiff das Horn in die Welt hinaus. Nur wenige Schritte, nur wenige Minuten, mehr bedarf es nicht. Kein Abschied war nötig. Den Bahnhof sah ich gern in der Fern, bis er verschwand. Ich fände schon einen besseren Ort. Ein besseres Heim.

Nur mein Koffer bei mir, meine Uhr in der Tasche, viel mehr hatte ich nicht. Mehr brauchte ich nicht. Hatte bald all mein Hab und Gut gegeben für lebenslange Fahrt. „Alle an Bord! Wir fahren voran!“, rief der Lokführer, ’s war seine Pflicht. Mit dem Wind in meinem Haar und dem Blick nach vorn würde ich suchen. Suchen und suchen, bis ich fänd, wohin ich gehör’. Für so viele Jahre musst’ ich’s mir anhören. Heimat hier, Familie da. Stets dasselbe von all denselben Stimmen, die ich Jahre gekannt. Verdrängt wurden sie, geschieht ihnen recht, vom Laute der Räder, jedem Ruck, der durch meinen Körper zog.
Das metallene Ross, es bracht mich in eine Stadt wie aus Perl. Alles so weiß, es blendete fast. Und die Märkte, waren sie voll, Juwelen verkauft wie Heu. Nachmittags im Café, das war eine Freud’. Die Stille, der gute Tee, ein Buch dazu. Ein Ort zum Entspannen, Ordnung gab’s genug. Ein schöner Ort, reich an Kultur und noch mehr. Gefallen würd’s hier vielen, warum auch nicht? Auch mir tat es gut, doch meine Heimat war nicht in Sicht.
Und so fuhr ich weiter, der alte Lokführer, er lacht. Hat sich mit mir weiter auf den Weg gemacht. Wer dort hinten saß in dem Waggon, der übersah doch ganz sicher mehr, als er darf. Vielleicht war es nur ich, so viel wäre klar. War der einzige Passagier ohne ein Ziel bei der Fahrt. Sie alle hatten Orte, wohin ihr Herz sie wohl trieb. Ich stand nur im Freien, mein Blick auf der Landschaft liegt. Viele Dörfer umfahren, durch Gebirge es geht. Die Orangen der Plantagen hängen nah, fast zum Greifen. Ob irgendwer sonst dies wohl versteht?
Weiter und weiter führt mich der Weg, von warm, zu kalt, zu allem dazwischen. Wie lange ich schon fahr? Das wüsst’ ich nicht zu sagen. Tagein, tagaus spreche ich neue Leute, sehe neue Orte. Sie bringen ein Lächeln auf meine Lippen. Und doch muss ich weiter, zufrieden bin ich nicht.
„Suchst nach dem Ende der Reise, was? Armer Wicht“, sagt mir der Lokführer gerad’ ins Gesicht.
„Das Ende der Reise, das gibt’s für mich vielleicht nicht. Ich … such nach der Fern’, stimmt doch, oder nicht?“
Es war mir schon fremd, der Klang meines Heimatdialekts. So klang ich, so klang er, niemand sonst. Weit waren wir gefahren, sehr weit. Das wurde mir nun klar. Die Sprachen, die ich gelernt, waren an Nummer nicht karg.
Wir redeten weiter, ganz durch die Nacht, haben gestritten und haben gelacht. Die Kohle brennt heiß, meine Arme sind schwer und doch schaufel ich weiter, denn wir müssen weiter in die Fern’.
Mein Haar wurd’ lang, meine Stimme sehr tief. Auf Reisen ein Mann geworden, so schien es schon fast. Erneut pfiff das Horn, so wie am ersten Tag. Zum Abschied diesmal, nicht zum Gruße zu mir. Hätt’ nie gedacht, dass der alte Mann vor mir absteigen würde. Ein Leben ist kurz, doch seins war mit Fülle. Meine Heimat, die fand ich bis jetzt leider nie. Ein Blick auf die Uhr, dreizehn nach acht. 
„Alle an Bord! Wir fahren voran!“, rief ich. Ein Leben auf der Suche – – 
Schlecht ist es nicht.

Jason Lutz, Klasse BvB, USS GmbH Öhringen

Schreibe einen Kommentar