Meinung sagen ja, beleidigen nein

TALKSHOW Verleger und Chefredakteur diskutieren mit Schülern über Pressefreiheit und Lügenpresse

Klasse, auf welchem Diskussionsniveau ihr euch bewegt“, lobt Stimme-Verleger Tilmann Distelbarth schon während der Zisch-Talkshow 2016 die Gastgeber: die 8a und 8b des Mönchsee-Gymnasiums Heilbronn. Um am Ende das Fazit zu ziehen: „Mit dieser Jugend ist mir nicht bange um die politische Zukunft des Landes.“

Klar, das gesetzte Thema der Talkrunde ist politisch: Über „Medien im Kreuzfeuer? – Zwischen Lügenpresse und Böhmermann-Affäre“, wollen die Achtklässler mit dem Verleger sowie mit HSt-Chefredakteur Uwe Ralf Heer diskutieren. Aber nicht nur Lorenz Gleißner (8b) und Jona Reinecke (8a) sind auf ihre Moderatorenrolle perfekt vorbereitet. Auch ihre Mitschüler halten Karteikärtchen mit vorformulierten, durchdachten Fragen in der Hand. Sie haben sich mit ihren Lehrern Susan Etzler und Ralph Magnus „vorab informiert und erarbeitet: Wer ist Böhmermann, was ist Pressefreiheit“, so Magnus.

Foto: Andreas Veigel

Foto: Andreas Veigel

Grundrecht „Was fällt Ihnen zum Thema Pressefreiheit ein?“, testen die Moderatoren aber erst mal ihre Gäste. Und: „Sorgen Sie sich darum?“ Für Distelbarth wie für Heer ist Pressefreiheit ein „hohes Gut“. Der Verleger betont ihren „Grundrechtsrang“ und ihre „Verbindung mit der Meinungsfreiheit als Kernelement der Demokratie“. Sorgen mache sich er darum nicht, sie werde von der Politik gestützt, beantwortet der Chefredakteur die zweite Frage. Mit Verweis auf Länder, wo es keine Pressefreiheit gibt, betont er: „Es ist ganz wichtig, dass sie geschützt wird, damit ihr weiter so frei leben könnt, wie ihr’s gewohnt seid.“

Auch für die Redakteure gelte natürlich Meinungsfreiheit, sagt Distelbarth. Und: Man bete keine Meinung vor, es gehe vielmehr darum, „dass der Leser in die Lage versetzt wird, sich eine eigene Meinung zu bilden.“ Die Heilbronner Stimme veröffentliche auch kritische Leserbriefe. Für sie gelten aber dieselben Spielregeln wie für die journalistischen Texte: Fäkalsprache und Beleidigungen sind tabu.

„Der Kunde, der die Zeitung kauft und Anzeigen schaltet, erwartet ein gewisses Niveau“, sagt Heer. Wo es um Persönlichkeitsrechte geht, „holen wir auch schon mal juristischen Rat ein“, hören die Schüler. Die Schwierigkeit im Umgang mit Persönlichkeitsrechten ist ein „mit Bundesverfassungsgerichtsurteilen gepflasterter Weg“, gibt Distelbarth in dieser heiklen Frage zu Bedenken. Und was hat es jetzt mit dem Schlagwort „Lügenpresse“ auf sich? Tilmann Distelbarth ärgert sich über den Begriff: „Mit dieser Pauschalierung wird der Glaubwürdigkeitsanspruch der Presse in Deutschland verhöhnt. Eine Pauschalierung ist eigentlich immer falsch.“

Faktencheck Uwe Ralf Heer betont: „Wo Stimme draufsteht, soll Glaubwürdigkeit drin stehen, das gilt auch für unsere Online-Produkte.“ Natürlich habe es schon Beschwerden gegeben. Jedoch keine einzige erfolgreiche Klage vor dem Presserat, denn „wir recherchieren gut, man
kann nachprüfen, was wir schreiben“, darauf ist der Chefredakteur stolz. „Auch wenn wir nicht vor Fehlern gefeit sind“, gibt der Verleger zu. „Daher überprüfen wir immer Vorwürfe, die uns gemacht werden.“

Den Umgang mit der AfD hinterfragt Moderator Lorenz mit einem dem französischen Aufklärungsautoren Voltaire in den Mund gelegten Zitat: „Ich lehne ab, was Sie sagen, aber ich werde bis auf den Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen.“ Dürfen demnach die Mitglieder dieser
Partei äußern, was sie wollen? „Ja“, findet Heer, „aber wir müssen die Aussagen kritisch hinterfragen.“ Er verweist auf den Faktencheck, dem das Parteiprogramm vor den Landtagswahlen unterzogen wurde, wodurch so mancher Widerspruch entlarvt worden ist.

Kritisch Eine kritische Berichterstattung, für beide Stimme-Chefs selbstverständlich, gilt auch für den Zisch-Sponsor Audi und andere Anzeigenkunden. Die sich im Übrigen fair verhalten: „Das gab’s noch nie, dass der Wunsch geäußert wurde, dass wir was zurückziehen“, sagt
Heer. Allerdings käme es vor, dass Anzeigen nicht geschaltet würden. Aber glücklicherweise, sagt Distelbarth, habe man „die wirtschaftliche Freiheit zu sagen: Na, dann verzichten wir eben darauf.“

Diese Freiheit hätten potenzielle Schüler-Verleger nicht. Zwar dürfe jeder eine Zeitung gründen, sagt der Medienunternehmer in dritter Generation auf Nachfrage, aber „man braucht für eine klassische Zeitung schon ein paar Gerätschaften und Strukturen. Einfacher geht’s mit einem Blog im Internet.“

Und würden die beiden ihren Beruf wieder wählen? Eindeutig ja, sagen Chefredakteur wie Verleger. Wiederholt fällt der Begriff „spannend“ wenn es um Journalismus geht.

Susanne Schwarzbürger